In bestimmten Aspekten ist Studieren in Norwegen und in Deutschland extrem unterschiedlich. Ich habe an zwei Universitäten in Deutschland studiert und an beiden kommt es häufig vor, dass Seminare komplett oder zu einem großen Teil durch Referate der Studierenden getragen werden. In manchen Fällen kann das so extrem sein, dass der Dozent am Anfang gerade mal noch „Hallo. Heute haben wir ein Referat zum Thema…“ sagt. Und tschüss am Ende.
Natürlich ist es gut, wenn die Studenten eine Gelegenheit haben, selbständig zu arbeiten und ihre Arbeit zu präsentieren, aber es kann auch ziemlich frustrierend sein, wenn die Seminare hauptsächlich darin bestehen, dass man 90 Minuten Referaten zuhört, und man nur wenig (wenn überhaupt etwas) vom Dozenten hört. Das ist typisch für die Sozialwissenschaften, und ich vermute, für die Geisteswissenschaften ebenso. Ich hatte Wirtschaftswissenschaften als Nebenfach während meines BA-Studiums, und in diesen Veranstaltungen war es nicht üblich.
In Norwegen dagegen ist es der Dozent, der den ganzen Kurs hält und die Studenten sagen kaum etwas. Ich hatte einen Politikwissenschaftskurs, der einige sehr kontroverse Themen behandelte, aber es gab kaum eine Diskussion über diese. Stattdessen erzählten uns die zwei Dozenten über die kontroversen Fragen, aber eröffneten kaum einmal eine Diskussion. Die wenigen Male, die sie es taten, gab es sehr wenig Beteiligung. Das passiert natürlich manchmal auch in Seminaren in Deutschland, aber der fast vollständige Mangel an Diskussionen in Oslo hat mich trotzdem überrascht.
In dem Peace and Conflict Studies Seminar, das ich belegte, war es ähnlich, aber die Themen bestanden in dem Kurs mehr aus Fakten, Theorien und Berechnungen (ja, Mathe in Peace and Conflict Studies
), so dass ich nicht so einen Mangel an Diskussion gespürt habe wie in dem anderen Kurs.
Die positive Seite des Mangels an studentischen Input und Referaten war, dass man sehr viel Input von den Dozenten bekam, was sehr spürbar war im Vergleich zu Deutschland.
Im Norwegischen gibt es einen Ausdruck für „studieren“, den man mit „in den Lesesaal gehen“ übersetzen kann, und das passt sehr gut, denn die Leseliste war riesig im Vergleich zu dem, was man aus Deutschland gewohnt ist. Daher hatte ich am Ende des Semesters schon das Gefühl, den Kopf sehr voll zu haben, sowohl durch den Input der Dozenten als auch durch das extensive Lesen.
Es war aber merkwürdig, so viele Artikel zu lesen, die man hätte diskutieren können, es dann aber fast nie zu einer Diskussion kam! Ich denke, es sollte wirklich irgendwo ein gutes Mittelmaß zwischen dem norwegischen Extrem (Dozent redet die ganze Zeit) und dem deutschen Extrem (Studenten reden die ganze Zeit) geben.
Amy sagte
Ja, in Deutschland hat mir der Dozenteninput bei oftmals halbgaren last-minute-Referaten der Kommilitonen im BA-Studium auch gefehlt – da war die Teilnahme am Seminar häufig echte Zeitverschwendung. Im Master habe ich den Profi-Input zwar auch vermisst, aber die qualitativ hochwertigeren Referate und die teilweise recht guten Diskussionen haben doch öfter entschädigt.
Trotzdem fühlte man sich gerade im ersten FuK-Semester doch ohne argumentative Substanz und faktisches Handwerkszeug, unter dem Motto: „Jetzt diskutiert mal!“ – ein bisschen nackig. Dann gibt es halt häufig so Feigenblattdiskussionen wo nur ein oder zwei Eingeweihte mit Infos aufwarten können und die Anderen zuhören oder Mitlabern. Das führt ja auch zu nix.
Daher stimme ich Dir zu: Für eine gute Mischung der didaktischen Methoden. Denn wirklich kritisches Reflektieren und Überprüfen des eigenen Verständnisse geht ja nur in der Diskussion – die bringt einen persönlich ja auch oft weiter als das Lesen im stillen Kämmerlein.
Puh, dat war jetzt aba lang …